Wissen trifft immer und zwar kritisch

Der Historiker muss aus seinem Elfenbeinturm kommen, heißt es. Immer noch. Auch wenn das viele schon verstanden haben. Elfenbeintürme klingen für mich nach Magiern, Einhörnern und Luftschlössern. Dort kann man gut leben, andernfalls würden wir herabsteigen und mit dem gemeinen Pöbel reden. Aber die wenigsten Historiker kommen nicht nach Draußen, weil sie mit arkanen Mysterien beschäftigt sind. Statt in einem Elfenbeinturm sitzen wir in einem monströsen, grauen, leblosen 60er-jahre Bürogebäude, ähnlich dem Finanzamt aus der Hölle. Und sind weniger produktiv. Die Welt braucht weiterhin Historiker, aber braucht sie die Geschichtswissenschaft?

Meine Frage entspringt in dem Monolithen in dem wir gefangen sind. Damit meine ich nicht die jeweilige Institution in der wir arbeiten, sondern wie unsere Wissenschaft und deren Finanzierung funktioniert. Neue Ideen haben es immer schwer, das gilt auch für Unternehmen. Aber in der Wirtschaft gibt es, inzwischen in Babyschuhen auch in Deutschland, StartUps, Gründerprogramme und Risikofonds. Da sich die Geschichtswissenschaft monetär nie rechnet, und kulturelle Gewinne schwer messbar sind, gibt es kein wissenschaftliches Äquivalent. Klar gibt es einige wenige Nachwuchspreise, aber von ein paar tausend Euro kriegt man zwar eine Flasche Rotwein und einen Döner, aber keine dauerhafte Perspektive oder eine Lebensgrundlage für eine Familie.

Forschungsanträge beschränken sich oft auf das Etablierte mit einer feinen, neuen Note. Die Kreativität wird meistens darin investiert möglichst viel Geld für befristete Mitarbeiter zu bekommen, um talentierten Nachwuchs zumindest zeitweise eine Perspektive zu verschaffen. Neue Themen bleiben in der Regel auf der Strecke, da Risiken in Anträgen nicht gerne gesehen werden. Die daraus resultierende Blutarmut der Wissenschaft ist zu spüren. Interessante Impulse kommen von interdisziplinären Projekten anderer Wissenschaften. Als Beispiel wären die Imaginären Dörfer zu nennen. Es gibt allerdings aus inspirierende geschichtswissenschaftliche Impulse, allerdings selten von Geschichtswissenschaftler, sondern von Journalisten, Schriftstellern und dem, was wir als Laien bezeichnen würden. Sleepwalkers ist dafür ein dankbares Beispiel aber auch die großartige Arbeit über den Drogenkonsum im Nationalsozialismus.

Geschichtswissenschaftler nehmen nicht nur selten an der öffentlichen Debatte teil, sondern lösen auch immer seltener Debatten aus. Noch dazu übernehmen theoretisch Fachfremde die Rolle des wissenschaftlichen Impulsgebers. Durch Diskurs und Debatte wird letztendlich der Ausschlag zum Wissen schaffen gegeben. Es bleibt die Frage wozu es eine Geschichtswissenschaft noch braucht, wenn Historiker fast jeder sein kann und wir institutionell schwächeln.

Also was tun? Erst wollte ich schreiben, dass wir Menschen nicht einfach so bezahlen können, ohne genauen Auftrag und hoffen, dass etwas dabei rauskommt. Jetzt denke ich: Warum nicht? Reich genug als Land wären wir. Aber realistischer ist es, sich anzusehen wie inzwischen wirklich gearbeitet wird und dieses System zu verbessern. Anstatt scheinheilig Projekte mit niedrigen Zielen zu starten, damit sich wissenschaftliche Mitarbeiter im besten Fall in der übrigen Zeit mit wichtigen Dingen beschäftigen können, sollten einfach Mittelbaustellen geschaffen werden, deren Aufgaben aus Verwaltung und Forschung bestehen. Das tun wir sowieso schon so. Genau so kann es Stellen mit einem großen Anteil Lehre geben und einem ebenso großen, wie freien Forschungsanteil. Die Gleichung, dass Professoren automatisch gute Lehrer sind, ist schon lange widerlegt. Also warum sollte die Lehre nicht in die Hände derer gelegt werden, die es wirklich können und wollen. Es geht nicht darum Professoren zu ersetzen, sondern ihnen Aufgrund ihrer Position die Freiheit zu geben sich auf das zu konzentrieren, das sie für wichtig halten. Professoren sind, im das wissenschaftliche Äquivalent eines Abteilungsleiters. Kein Abteilungsleiter kann alles in seiner Abteilung am besten, höchstens in seiner Phantasie. Das müssen sie auch nicht. Sie müssen leiten, fördern, fordern und für ein gutes Ergebnis sorgen.

Wissenschaft braucht Mut zum Risiko und Menschen, die Ideen haben. Dazu braucht es neue Strukturen und langfristige Perspektiven. Der Nachwuchs kann keinen Wissensdurst entwickeln, wenn er vorher verhungert.

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: