Wissen trifft immer und zwar kritisch

Das Problem der Mitbestimmung

17. Juli 2016.Philipp Nordmeyer.0 Likes.0 Comments

Krisenjahr 2016: Was für ein Chaos“ titelt heute Spiegel Online. Es ist auf jeden Fall ein Jahr indem ich ein bisschen bereue nicht doch den politikwissenschaftlichen Weg eingeschlagen zu haben. Allerdings habe ich so den Blick eines politikwissenschaftlich-ausgebildeten Nerds, der sich für einen Historiker hält. Also voller gefährlichem Halbwissen oder euphemistisch – nein – positiver ausgedrückt: Interdisziplinär.

Vom Tellerrand aus betrachtet ist das Jahr alles andere als chaotisch. Zwar ist es kein teleologisches „es musste ja so kommen!“ aber trotzdem für mich logische Konsequenz langjähriger Entwicklungen. Meiner Meinung nach, geht es vielen Teilen der Welt sehr lange, sehr gut. Es ist unbestreitbar, dass wir in den letzten Jahren viele Krisen hatten. Schaut man in die Vergangenheit, leben wir trotzdem in Frieden und Wohlstand. Das trifft zumindest auf „uns“ zu, die diesen Blog hier lesen. Also Mitglieder der Ersten, maximal der Zweiten Welt. Die Krisen in der Dritten Welt sind genauso stetig, wie der Frieden in Europa. Diese Krisen haben wir, gerade die G8, mit zu verantworten. Dabei spreche ich nicht von militärischer Verantwortung, die natürlich auch zum tragen kommt, ich rede von wirtschaftlicher Verantwortung.

Unsere Unternehmen mischen sich seit Jahrzehnten tiefgreifend in die Politik und soziale Lage armer Länder ein. So, dass der Flüchtlingsstrom nicht nur unsere Verantwortung ist, weil wer bei uns ankommt, sondern auch, weil wir ein Teil des Auslösers sind. Das sage ich immer noch als überzeugter, wenn auch leicht linker, Kapitalist. Man erntet was man sät, deswegen bin ich Freund nachhaltiger Strategien in allen Bereichen des Lebens. Für mich ist 2016 nicht nur ein Jahr zunehmender Krisen, sondern ein Jahr in dem wir uns nicht mehr wegdrehen können vor dem, was wir selbst mit ausgelöst haben. Wir können damit nur langfristig gut umgehen, wenn wir uns der Tragweite unserer Handlungen bewusst werden.

Nur wie?

Wenn es die Politik nicht tut, wäre es Aufgabe der Vierten Gewalt, also der Presse, den Medien. Nur richtet sich diese natürlich stark nach den Lesern, es muss auch Geld verdient werden. Ich muss hier keinen Abriss über den Niedergang der Presse schreiben, es reicht zu sagen, dass sie der Rolle als Aufklärer kaum noch nachkommt. Allerdings nicht von selbst, sondern weil sich der Kunde kaum noch für Hintergründe interessiert. So werden bedrohliche Geschehnisse aufgelistet und berichtet, aber kaum in einen Kontext gesetzt wodurch sie noch unberechenbarer und bedrohlicher erscheinen. Deswegen habe ich auch Spiegel Online am Anfang genannt. Es ist eines der großen Leitmedien, obwohl oder gerade weil die Tiefe fehlt.

Wir leben in der Informationsgesellschaft. Wissen ist Macht. Wissen ist Geld. Wissen formt uns als Gesellschaft und als Individuum. Ein Mensch alleine kann nicht mal die Quintessenz dessen in Erfahrung bringen, was an einem Tag passiert. Dafür braucht es die Medien, die allerdings Lückenhaft und inkonsequent Berichten. Große Themen werden zwar bekannt, aber ohne Hintergrund und Kontext, entsteht ein Informationsvakuum. In unserer Gesellschaft bedeutet das auch immer ein Machtvakuum und daraus ergibt sich für mich das Problem der Mitbestimmung.

Gute Entscheidungen trifft man auf der Basis möglichst vieler Informationen, damit man Ursache, Wirkung und Resultat einer Handlung abschätzen kann. Das können heute die wenigsten Menschen. Meiner Meinung nach haben die meisten Menschen kaum eine Ahnung über Zusammenhänge in dieser komplexen, globalisierten Welt. Da schließe ich mich mit ein, obwohl es auch noch wesentlich schlimmer geht. Aber wie beim Fußball glaubt jeder, dass er es besser kann, mehr weiß, der bessere Trainer wäre. Genau da setzen seit Jahrzehnten inzwischen die Populisten, Diktatoren und Erdogans dieser Welt an. Obwohl sie Teil des Systems sind, sprechen sie vielen Menschen mit ihrer Haltung gegen das System aus der Seele. „Stimmt! Ihr könnt es besser, wählt mich und ich gebe euch die Macht.“ solche und sinnverwandte Versprechen locken die Wähler populistischer Parteien. Nach Jahren der politischen Fehlentscheidungen, Skandale und Enttäuschungen wollen die Menschen ihr Schicksal wieder selbst in die Hand nehmen. Ein verständlicher aber unmöglicher Wunsch. Niemand hat sein Leben komplett selbst in der Hand, da wir von vielen anderen Menschen und Beziehungen abhängen. Wir leben in einer Gesellschaft als Teil der Gesellschaft. Ein völlig autarkes Individuum gibt es nicht. Nur wer sich das eingestehen kann, sich eingestehen kann über manche Dinge nichts zu wissen, kann den Sinn hinter demokratischen Prozessen erkennen.

Aber genauso wie die klassischen Rechtspopulisten, haben die gemäßigten, traditionellen Kräfte das Potential des Meckerns gegen „die da oben“ erkannt. So ist der Brexit ein Kind von Cameron selbst. Er hat das Votum versprochen und Jahre lang Stimmung gegen die EU gemacht, um seine Position zu stärken. Auch das war eine Konsequenz. Man kann zwar schnell Dinge dahin sagen, um Stimmung zu machen und auf 4 Jahre gewählt zu werden, aber die Botschaften, die immer wieder und wieder wiederholt werden, bleiben hängen. So ist auch Trump logische Konsequenz des Handelns der amerikanischen Republikaner. Erst ging es nur gegen die Demokraten, dann gegen die Medien und irgendwann gegen die Regierung selbst. Systematisch wurde das Vertrauen in die Medien zerstört, bis jeder letztendlich behaupten konnte, was er wollte und der Recht bekam, der das bequemste erzählt. Aus demokratischer Mitbestimmung wurde „small Government“ und anscheinend langsam „no government.“ Denn Trump braucht niemanden, Trump kann alles alleine. Eigentlich ist er der feuchte Traum der republikanischen Politik des letzten Jahrzehnts. Er ist die personifizierte republikanische Agenda, nur leider war diese nicht sehr schlau.

Wenn er von den amerikanischen zerrissen wird, feiern ihn seine Anhänger umso mehr. Für sie ist es ein Beleg für seine Stärke, da das Establishment ihn fürchtet. Ein großer Teil seiner Wähler sind gläubige Christen und sehen ihn als versprechen Gottes (ich finde den passenden Artikel auf DRadio Kultur gerade nicht wieder). Sie beziehen sich dabei auf das Prosperitätsversprechen aus der Bibel. Amerika, Gottes auserwähltes Land und Trump als Heilsbringer?

Wir leben in einer Zeit in der Informationen alles bedeuten. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit in der einem fast 2000 Jahre alten Text mehr Bedeutung zugeschrieben wird als politische Analysen. In der viele mitbestimmen wollen, wenige bestimmen können und nur ein Bruchteil davon dazu in der Lage sind. Es ist eine Zeit der Disparität zwischen Arm und Reich, Populisten und Terroristen, den Mächtigen und den Verlassenen. Aber es ist kein Chaos. Wir können zwar die Konsequenzen unseres Handelns nicht immer absehen. Aber alle unsere Handlungen haben Konsequenzen.

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