Wissen trifft immer und zwar kritisch

Vorab ein kleiner disclaimer: Das hier Geschilderte basiert nicht nur auf frischen Erfahrungen, sondern aus denen der letzten zehn Jahre, den Korrespondenzen mit internationalen Kollegen und den Gesprächen auf Tagungen. Für mich ist das ein strukturelles Problem, auch wenn ich mir meines Tellerrands und der beschränkten Perspektive bewusst bin.

Ich kann gar nicht so viel fressen wie ich kotzen möchte. Zugegeben klage ich auf sehr hohem Niveau, allerdings ist der Überblick von hier auch gut. Ich bin am ungefähren Maximum dessen, was man in der Promotion erreichen kann. Mein Gehalt ist nach TV-L E13, ich habe ein eigenes Büro und meine Stelle umfasst 100%. Und das als Mensch mitten in der Promotion. Der privilegierten Situation bin ich mir bewusst. Genau deswegen bin ich so wütend. Mir geht es ungemein besser als den meisten anderen, das umfasst den Großteil der wissenschaftlichen Mitarbeiter und einen nicht geringen Teil der Professoren.

Das ganze Geschwafel von Exzellent-Initiativen, Forschungs-Clustern und Stipendien ist nur Flickschusterei. Wobei das wiederum eine Beleidigung für kreative Schuhmacher ist. Ohne Sinn und Verstand, dafür mit Feigheit und Egozentrik werden hier die Weichen für die Zukunft gestellt. Nicht nur für uns Wissenschaftler, sondern auch für Generationen an Studenten und die Entwicklung des Landes. Gute Lehre und Forschung braucht sichere Stellen und einen stabilen Mittelbau. Die Frage nach dem „wie das bezahlt werden soll“, ist in dem Fall zweitrangig. Es muss bezahlt werden. Alles andere kommt uns nur teurer zu stehen und ist auch ganz eigennützig gesagt den angestellten unwürdig.

Ich bin nicht Wissenschaftler geworden, um reich zu werden. Mir reicht meine Wohnung. Trotzdem ist es unfair, dass für uns weder das gleiche Einkommen, noch die Arbeitsbedingungen gelten, wie für einen Gymnasiallehrer, obwohl wir auch im öffentlichen Dienst sind. Aber das Gehalt ist nicht die größte Zumutung, sondern die Zeitverträge. Ich habe das Bangen alle 6-12 Monate lange genug mitgemacht bis ich hier gelandet bin. Es ist beängstigend, macht einen kaputt und kostet viel Kraft. Noch dazu dient es auch nicht den Universitäten.

Der Wettbewerb um Geld und Mitarbeiter, der innerhalb der Institute und Fakultäten tobt, sorgt nicht im neo liberalen Sinn für eine Verbesserung des Angebots, sondern für eine toxische Atmosphäre. Er nützt auch nicht der Forschung, es wird das gemacht, was am sichersten Geld bringt und nicht, was am wichtigsten wäre. Man fragt sich immer wieder, wie es drei- oder fünfjährige Forschungsprojekte mit ein paar abschließenden Tagungen geben kann auf denen am Ende nichts präsentiert werden kann. Oder auch Ergebnisse, die meine Studierenden in den Semesterferien erarbeitet hätten. Die Antwort ist oft einfach: Weil die Forschungsstellen nicht dazu kommen zu forschen.

An diese Stellen sind oft offiziell oder inoffiziell andere Aufgaben gekoppelt. Professor X braucht eine Tippse, Fakultät Y braucht einen Eventplaner und Studiengang Z hat keinen Koordinator. Macht das mal nebenbei. Und seht Ihr die Regale da? Die müssten ins andere Stockwerk. Kannst Du eigentlich Flyer machen? Schick meiner Frau bitte mal Blumen. So ungefähr.

Forschungsprojekte werden dazu genutzt, um Arbeitskraft für regelmäßige Aufgaben zu finanzieren. Sachen, die ein stabiler Mittelbau erledigen könnte. Sachen, für die ich auch nicht geeignet bin. Langfristige Planungsaufgaben, die auch Professoren nicht liegen. Ich denke da nicht nur aber auch an die Studiengangsplanung. Das Monster, dass immer unter dem Bett hervorkommt, wenn man es gerade vergessen hatte. Die Studierenden leiden unter der miesen Planung vieler Studiengänge, genau wie die Fakultäten, die plötzlich wenig Bewerber bekommen, obwohl doch alles voll von Studierenden ist. Es ist weltfremd anzunehmen, jeder Wissenschaftler sei ein guter Pädagoge, nur weil er durch das Studium gekommen ist. Ich bin auch kein Mathematiker nur weil ich einen Taschenrechner benutzen kann. Trotzdem schraubt, bastelt und plant jeder mit, nicht weil er es möchte, sondern weil er es muss. Die Quittung dafür kriegen die Studierenden, die erst nach 2-3 Jahren wirklich einschätzen können, worauf sie sich da eingelassen haben. Das ist verantwortungslos.

Dasselbe gilt für die Lehre. Ich bin Universitätsmitarbeiter wegen der Mischung aus Forschung und Lehre. Ich liebe beides. Aber das gilt nicht für jeden und das sollte es auch nicht. Nicht jeder kann beides, sollte er auch nicht müssen. Lieber nicht lehren als eine Generation versauen. Ebenso sollte es auch nicht Tabu sein Mittelbaustellen für reine Lehre zu haben. Dämliche Eitelkeiten über den Kontrollverlust der Professoren oder das Eingeständnis eigener Unzulänglichkeiten, gehören nicht in eine professionelle Arbeitsumgebung.

Aber kommen wir wieder zurück zum Ausblick von meinem Zenit der Privilegien, also der vollen Stelle. Der vollen, befristeten Stelle. Ich wünsche mir persönlich vor allem Planungssicherheit. Ich möchte eine Familie, Kinder und nicht von meiner Frau abhängig sein. Sondern ihr genauso viel Sicherheit bieten können, wie sie mir. Hohe Stundenbelastung, weniger Einkommen – das sind alles Preise, die ich bereit bin zu zahlen, um machen zu können, was ich liebe und was ich kann. Aber meine Familienplanung gebe ich nicht auf. Statt einer Planungssicherheit, habe ich das Damoklesschwert des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes, das mir sagt:“Du hast noch 9 Jahre, um Professor zu werden, sonst darfst Du an keiner Uni mehr arbeiten.“ Jedenfalls nicht, solange es keine unbefristeten Stellen im Mittelbau gibt. An einer Schule würde niemand auf die Idee kommen, dass das Personal nur aus Hausmeistern und Schulleitern besteht und die Lehrer alle 6 Monate wechseln. An der Universität ist das Normalität. Das ist unwürdig für die Studierenden und die Lehrenden genauso.

Dieser Wettbewerbskrampf führt nur dazu, das die sehr guten in die Wirtschaft gehen, weil sie dort mehr Geld und Sicherheit haben. Es bleiben die Naiven, die Schlechten und die Handvoll, die Glück gehabt hat. Zu welchem Teil ich gehöre, sehe ich nach der Promotion. Natürlich geht es mir hier um mich, mein Leben und meine Zukunft. Aber ein System, das auf Unsicherheit beruht und ohne Kontinuität geführt wird, kann für alle Beteiligten nicht sinnvoll sein. Wobei – die Ignoranz und Eitelkeit mit der es vorangeführt wird, sind daran immerhin kontinuierlich.

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