Wissen trifft immer und zwar kritisch

Digitale Geschichtswissenschaften AG trifft digitale Wissenschaftler

3. September 2013.Philipp Nordmeyer.0 Likes.11 Comments

SchneckeDie Tagung in Braunschweig habe ich, wie einige andere auch, schon unter #digigw2013 live bei Twitter kommentiert. Was ich dort emotional, bisweilen vielleicht frech kommentiert habe, will ich hier noch mal etwas umfangreicher zusammenfassen.

Die gewisse Emotionalität, die dem Thema bei mir mitschwingt möchte ich zwar kontrollieren aber nicht verbergen. Immerhin geht es bei dem ganzen gerede auf der Meta-Ebene (was können Digital Humanities? Was dürfen sie? Was sind sie?) immerhin auch um Existenzen. Wenn man von Nachwuchsförderung spricht, darf man nicht nur daran denken, dass es beim Nachwuchs auch um Broterwerb geht. Damit will ich nicht um Geld durch Mitleid betteln, sondern darauf hinweisen, dass man es nicht vergessen darf und es für einige Punkte später wichtig wird.

Auffallend an der Tagung war vor allem, dass die Twitternden wesentlich kritischer waren als der Grundton der Veranstaltung. Das mag zum einen daran liegen, dass das Internet die natürliche Habitat von Trollen ist und es einen gewissen dunklen Einfluss auf unsere Meinungsäußerung auszuüben scheint. Zum anderen kann es darin begründet sein, dass die twitternden (oder Twitter-lesenden) Teilnehmer die digitale Welt schon umarmen, während die anderen darüber reden wie viele Hände man dafür braucht und wo man sie ansetzt.

Die Wahrheit liegt wie immer irgendwo dazwischen. Auffällig war jedoch wie wenig die Vertreter der Digi GW AG bereit waren Forderungen zu formulieren. Ich finde die AG wichtig und notwendig, sogar mindestens 10 Jahre zu spät. Die Gründung habe ich als positives Zeichen damals durch die Welt gejubelt. Ein wenig hat man jedoch gemerkt, wie wenig sie selbst die Tragweite der Digital Humanities erfassen können. Sie machen das alles ehrenamtlich und über ihre Arbeit bin ich froh. Allerdings ist zu bezweifeln, dass eine ehrenamtliche Tätigkeit diesem Feld gerecht wird.

Digital Humanities ist eben nicht nur die Methode Texte anders zu veröffentlichen. Es ist mehr, viel mehr. Viel mehr als ich hier abbilden könnte und noch mehr als ich mir jemals ausdenken könnte. Digital Humanties macht man nicht einfach nebenbei. Genausowenig wie man Numismatik mal kurz nebenbei lernt und neben einer richtigen Wissenschaft zeitweise betreibt. Fast alle Wissenschaftler, die soetwas jetzt institutionell mit fester Stelle betreiben, sind da reingerutscht. Da war eben ein Posten frei oder man arbeitet ehrenamtlich. Dadurch können sie gerade bei so einem jungen Wissenschaftsfeld gar nicht so viel Erfahrung damit haben. Genausowenig wie ich mal eben schnell Kunsthistorik lerne.

Die besten Beiträge zur Diskussion kamen nicht von Teilnehmern des Podiums oder Mitgliedern der AG, sondern von Anette Schuhmann, die einfach mal gemacht hat, was wegen der Metaebene oft vergessen wird. Sie hat die Wissenschaftler gefragt wo ihre Wünsche und Probleme liegen. Sie hat ein Verständnis für die Alltagsumstände gezeigt, die keiner außer ihr vernünftig angeschnitten hat.

Es ist immer wieder gesagt worden, dass man den Wandel als Instiution gemeinsam voranbringen muss. Alle können DFG/ BMBF Anträge stellen, gemeinsam kann man etwas erreichen. Da sind wir bei dem emotionalen angekommen, wo mir etwas der Hut hochgeht. Zum einen werden dabei die Widerstände, die es gegen den digitalen Wandel gibt schlichtweg ignoriert. Welche Institution sagt schon: Lasst uns die ausgetretenen Pfade verlassen und wir machen jetzt alle etwas neues. Zum anderen muss man angucken, wer in den Institutionen sitzt. Eben die Menschen, die den digitalen Wandel nicht brauchen und vor allem oft auch nicht gebrauchen können. Es ist nicht so, dass junge Wissenschaftler mal eben in ihr Institut gehen und sagen: Wir machen jetzt Forschung zu digitalen Medien. Das wird besonders offensichtlich, wenn man nicht mal digital veröffentlichen darf ohne seine Karriere zu gefährden. Zwar wurde behauptet, dass das Veröffentlichungsmedium heute völlig egal sei und man auch auf Ziegenleder schreiben könnte, aber im universitären Alltag bezweifele ich das.

Und genau darum geht es. Es ist ein Risiko sich für Digital Humanities zu interessieren. Für die Karriere ist es nicht förderlich genau entgegen dem Strom zu schwimmen und den Gatekeepern gegen das Schienbein zu treten. Sind wir mal ehrlich: Es ist schon ein riesiges Risiko Geschichtswissenschaftler zu werden. Überall wird (wahrheitsgetreu) über die Missstände mit Zeitverträgen und präkären Arbeitssituationen berichtet. In diesem Minenfeld dann ein noch gefährlicheres Gebiet aufzusuchen ist entweder sehr mutig oder sehr dumm. Es geht, trotz aller Liebe zur Forschung, eben auch darum Geld zu verdienen, eine Familie zu haben und gut Leben zu können. Der Nachwuchs ist bestens beraten sich eher mit einem der Weltkriege oder der DDR auseinander zu setzen, damit er eine Stelle finden kann. Wann werden schon Digital Humanities Stellen ausgeschrieben? Für den Nachwuchs geht es nicht nur um Forschung, es geht um eine Existenz. Ich für meinen Teil kann sehr gut Erinnerungskultur (ein weiteres Minenfeld) und eben für Digital Humanities wichtige Gebiete. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich die Bereiche für außerordentlich wichtig halte. Aber da hat Dummheit eine Rolle gespielt. Es war für mein Leben dumm nicht das arbeitsrelevante zu machen. Bereue ich es? Kein Stück.

Ich möchte, dass wir hier eine Rolle in den Digital Humanities übernehmen, aber dazu muss auch gesehen werden, dass andere schon machen worüber wir reden. Außerhalb von Deutschland sind die Digital Humanties nämlich keine Zukunftsmusik. Innerhalb von Deutschland sind sie auch schon lange notwendig. Im Grunde ist es so, wie heute auf der Tagung. Die etablierten Reden darüber, aber die kleine Randgruppe tut es schon. Aber die hat nur Einfluss auf sich selbst, weil nur sie sich auch zuhören. Wir vorhin über Twitter.

Comments (11)

  • Jan Hecker-Stampehl . 3. September 2013 . Antworten

    Ich kann nur zustimmen! Leider wurde bei dieser Tagung nur sehr vorsichtig, teilweise sogar von den prominenten Vertretern gar skeptisch argumentiert. Die Standpunkte zum digitalen Publizieren waren vorgestrig. Es ist sicher gut, dass es diese Initiative gibt, aber wie ich in meiner Auslese auch geschrieben habe: Beim nächsten Mal muss aber verdammt nochmal weiter gesprungen werden! http://hatn.hypotheses.org/113

    • ChaosPhoenix . 4. September 2013 . Antworten

      Eindrucksvoll war auch der immer wiederholte Kommentar, dass wir uns gerade Anfangen fragen zu stellen, die selbst in Deutschland an anderer Stelle schon lange beantwortet sind.

  • Torsten Hiltmann . 3. September 2013 . Antworten

    Was die Wahrnehmung hinsichtlich der Zweiteilung der Teilnehmerschaft angeht, stimmt das sicherlich. Ich empfand das ähnlich. Das waren eher zwei verschiedene Communitites. Und das legt ein Problem offen, das die AG – die ich wichtig und richtig finde – vielleicht hat. Man hat zwar viel über Digitale Geschichtswissenschaften gesprochen. Über Projekte, Zentren, Förderungen, Lehre, usw. Aber man hat m.E. versäumt, überhaupt erst einmal klarzustellen, worüber wir hier sprechen. Und da gibt es wohl zwei Auffassungen. Einerseits die, dass die DH eine zusätzliche Methode, eine zusätzliche Kompetenz seien. Ein Extra, das immer wichtiger wird und das man nicht ignorieren sollte. Aber das man eher im Sinne einer weiteren Grundwisseschaft versteht. Und zum anderen die, dass es sich bei den DH um einen grundlegenden, allumfassenden Wandel der Arbeitsmethoden und -bedingungen handelt, dem man gar nicht entgehen kann. So wie einst der Email (nur als Beispiel). Und beginnen die DH nicht schon bei Email, bibliographieren im Internet, ja schon beim Verfassen von Textem am PC (was schon allein zu neuen Arbeits- und Denkweisen geführt hat)? Ich denke, es ist weniger die Frage, wie man die neuen Medien des Digitalen ins historische Arbeiten integrieren kann, sondern wie man sich ihnen stellt. Wie das Ausland zeigt, das hier schon deutlich weiter ist, wird das Ganze einfach kommen. Das Ganze ist ein grundlegender Medienwandel, mit allen Konsequenzen. Von daher würde ich auch perspektivisch nicht so schwarz sehen. Ich sehe das Problem vielmehr darin, wie sich das Ganze in Deutschland entwickelt. Und ich denke schon, dass man hier zentrale Strukturen braucht, die einheitliche Standards setzen und brauchbare Plattformen zur Verfügung stellen, so wie – auch wenn ich mich da wiederhole – in Frankreich.

    • ChaosPhoenix . 4. September 2013 . Antworten

      Ich denke von Zentren kommt leider nicht viel im Alltag an. Man kann große AGs, Zentren und Millionen-Euro-Projekte machen, aber was kommt davon dann am Ende in der täglichen Arbeitswelt an den Universitäten wirklich an. Außer, dass man vielleicht mal sagt: Oh die Uni *** hat jetzt ein Zentrum für Digital Humanities, das klingt ja nett. Davon wird die Akzeptanz der einen Welt in der anderen aber auch nicht besser.

  • Moritz Hoffmann . 4. September 2013 . Antworten

    Die Zweiteilung war tatsächlich zu spüren, ich gebe auch zu, daran kräftig mitgewirkt zu haben – als gerade frisch gebackener M.A. tue ich mich allerdings auch schwer, zwischen Professoren und Playern der großen Wissenschaftsförderung aufzustehen.

    Was mich gestört hat, war das, was den mangelnden Forderungen zugrunde lag: Das mangelnde individuelle wie auch kollektive Selbstbewusstsein. Ich habe mich gestern schon darüber aufgeregt, ich tue es heute noch: Wenn ProfessorInnen entweder (Frau Lässig) „nicht dazu raten“ würden, Qualifikationsschriften digital zu veröffentlichen oder (Frau Schubert) auf dem Podium überhaupt nichts dazu sagen, ist das ein strukturelles Problem – die Professoren sind ja nun die einzigen, die wirklich etwas für die Anerkennung digitaler Veröffentlichungen tun können, z.B. indem sie einfach mal Leute berufen, die diesen Weg gegangen sind.

    Was mich gestört hat, weil es nun auch „mein“ Gebiet ist, ist die fast vollständige Nichtbeachtung digitaler Techniken im Kontakt mit der interessierten (und bislang noch nicht interessierten) Öffentlichkeit. Aber dazu schreibe ich heute oder morgen noch einmal selbst etwas.

    • ChaosPhoenix . 5. September 2013 . Antworten

      Ja das kann ich verstehen. Die einen strahlen aus „alles ist doch ok“ (BMBF & DFG), die anderen strahlen aus „Jemand sollte mal was tun“. Dabei sind es ja die Professorinnen und Professoren, die was tun können. Bei uns in Hannover scheitert der Digitale Wandel daran, dass alle denken, das er noch fern ist.

      Dazu hier mein „Wut“ Beitrag. http://www.criticalbits.org/2013/04/25/blogs-bucher-und-das-werkzeug-des-historikers/

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