Wissen trifft immer und zwar kritisch

Graffiti in Berlin

Recherche klingt bei uns Historikern immer nach Büchern oder zumindest Buchstaben. Akten, Urkunden und Chroniken, Pamphlete, Berichte und Briefe. Wir kodifizieren Wissen in Buchstaben und machen es so permanent. Unsere flüssigen Gedanken gerinnen in eine feste Form. Aber Wissen ist natürlich mehr als Text. Wissen kann auf viele verschiedenste Arten medial gespeichert werden. Als Bild, als Ton, haptisch oder als Geruch. Die längste Tradition haben dabei natürlich Sprache und Schrift (und Verwandtes).

Die Art, wie wir Informationen speichern und weitergeben wird von den technischen Möglichkeiten beeinflusst. Neben das persönliche Gespräch trat irgendwann der Brief und vereinfachte Langstreckenkommunikation. Dann kamen Telegraphen, Telefone, Faxe, Email und das Internet. Es gibt natürlich auch andere Medien, wie Filme und Bilder. Aber wir drehen selten einen Film, um eine Nachricht zu verbreiten und pinseln kein Gemälde über historische Zustände. Zum einen, weil es wohl den Aufwand nicht lohnt, zum anderen weil es (in meinem Fall) eine Beleidigung der Kunst wäre.  Das zeigt wiederum zwei Dinge. Die Mediennutzung hängt sowohl von den Umständen als auch der eigenen Kompetenz ab.

Also noch mal: Viele verschiedene Arten von Dingen können Wissensspeicher sein. Was sich als Wissensspeicher anbietet, hängt von den Umständen und der eigenen Kompetenz ab. Dazu kommt noch ein wichtiger Teil: Der Nutzer des Wissensspeichers. Auch er muss ihn verstehen und kompetent genug sein ihn zu nutzen.

Man kann dasselbe Wissen auf verschiedene Arten speichern. Ein Mensch kann mit Worten beschrieben werden oder mit Fotos. Ein Foto ist sehr genau, zeigt einen Moment erstarrt, einen Bruchteil einer Sekunde für die Ewigkeit. Eine schriftliche Beschreibung ist ungenauer, aber erlaubt mehr abzubilden als einen Augenblick. In beiden Fällen, wie bei allen Medien, wird der Inhalt durch Produzenten und Konsumenten verfälscht. Beide haben eigene Erfahrungen und Ansichten. So ändert sich auch, wie man etwas wahrnimmt. Will man etwas exakt weitergeben, muss man den Faktor Mensch so weit wie möglich ausgleichen. Dabei helfen genaue, multimediale Beschreibungen. Meiner Meinung nach ist ein Bild mit Beschreibung zur Weitergabe bestimmter Informationen besser als einer dieser Methoden für sich allein. Multimedialität (sinnvoll eingesetzt) hilft beim Wissenstransport.

Hierbei wird für mich der Nutzen des Internets als Lehr- und Lernmedium deutlich. Im Netz verschmelzen Bücher, Bilder, Lieder, Filme zu einem großen Ganzen. Wir sind nicht gezwungen ein bestimmtes Format zu nutzen, sondern können viele zusammenfügen. Es sind viele Medienarten nebeneinander in einem großen Medientopf. Wir können die für den Kontext sinnvollsten Medienarten nutzen anstatt zu etwas bestimmten gezwungen zu werden. Das heißt aber auch, dass wir sorgfältig Arbeiten müssen, um nicht einen undurchdringlichen Sumpf zu schaffen statt eines strukturierten Lernangebotes.

Wir erwarten von Wissensangeboten eine bestimmte Form und Logik. Wir lesen Bücher in einer bestimmten Richtung und würden uns stark wundern, wenn die Seitenzahlen durcheinander gewürfelt wären. Aber genau dieses Chaos ist im Internet oft zu finden. Es gibt  hier keine große, übergeordnete logische Einheit. Beispielsweise können diese Blogbeiträge für sich stehen oder auch als Sammelband verstanden werden. Tweets haben 140 Zeichen, Tumblr-Beiträge haben alle möglichen Formen und Youtube-Clips können alles sein von stolpernden Vätern bis zu abendfüllenden Dokumentationen. Dieses Chaos ist allerdings weder unzähmbar noch ungewöhnlich.

Für mich gibt es zwei große Unterschiede vom Netz zu einem Buch. Zum einen ist das Netz so heterogen, wie ein Medium nur sein kann. Zum anderen sind Bücher vorsortiert, jemand hat ihnen eine Struktur gegeben bevor wir sie lesen. Würde ich aus dem Regal hinter mir alle Bücher nehmen, die Seiten rausreißen und mischen, wäre das ein (sehr) kleines Internet. Und eine große Chance.

Ich könnte die Seiten neusortieren, Ihnen eine andere Logik geben. Die Argumentation aus einem Buch mit der eines anderen untermauern und neu zusammenheften. Fast genauso als würde ich einen wissenschaftlichen Aufsatz schreiben. Das zeigt, dass zumindest wir im wissenschaftlichen Bereich, schon gewohnt sind Ordnung ins Chaos zu bringen. Wir nutzen das Chaos sogar für unsere Zwecke. Genau das können wir auch im Netz, wir müssen es nur lernen.

Aber beim Internet gibt es große Berührungsängste. Neue Formate erscheinen immer „ih-bäh“ und werden schnell weggelegt. Sie sind nicht ernst zu nehmen und keine echte Wissenschaft. Wir haben angefangen das Medium zu glorifizieren, nicht die die Inhalte. Was in Büchern steht, muss irgendwie gut sein und was im Netz steht, muss schlecht sein. Dabei bietet das Netz die Chance mehrdimensional an einen Wissenstransfer heranzugehen, wie das Storyboard der Uni-Koblenz sehr schön zeigt.

Noch wird solchen Ansätzen oft mit Kopfschütteln begegnet und das Netz abgelehnt. Dabei ist es der größte Wissensspeicher aller Zeiten. Wir sollten ihn für uns erschließen und nutzbar machen, anstatt uns am Buch festzuklammern als wäre es ein Rettungsring im Meer des Wissens. Um diese Metapher jetzt zu Tode zu reiten: Neue Kontinente entdeckt man nur auf hoher See und nicht irgendwo in Sicherheit am Strand. Wenn wir die Gesamtheit an Medien erschließen, machen wir auch mehr Wissen nutzbar. Kein Speicher bleibt unangetastet und das volle Potential wird genutzt.

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