Wissen trifft immer und zwar kritisch

Blogs, Bücher und das Werkzeug des Historikers #dhiha5

25. April 2013.Philipp Nordmeyer.0 Likes.8 Comments

SchneckeEin kleines Vorwort

Dieser Artikel sollte eigentlich in einem anderen Zusammenhang erscheinen, ist jetzt jedoch frei geworden. Ich dachte: Wo ist er besser aufgehoben als in den unendlichen Weiten des Webs? Denkt euch den Zusammenhang einfach als „Blogs, Wissenschaft, toll-ja-nein-vielleicht“. Er ist eine Mischung aus dem was ich mal sagen wollte und dem was ich beantworten musste und somit unscharf – also vielleicht ein klassischer Blogbeitrag. An dieser Stelle wollte ich auch auf #dhiha5 hinweisen. Also zeigt euch, wissenschaftlicher Nachwuchs.

 

Blogs, Bücher und das Werkzeug des Historikers

Das Internet hat den Arbeitsalltag verändert. Das gilt nicht nur für Historiker. Nur noch wenige Arbeitsplätze haben nichts mit dem Internet zu tun und sei es auch nur die E-Mail-Flut, der wir uns täglich entgegenstemmen. An die Stelle von einigen Briefen tritt jetzt ein Vielfaches dessen als elektronische Post. Inzwischen entfällt ein größerer Teil der Energie und wahrscheinlich auch der Arbeitszeit auf das Lesen, Sortieren und Beantworten von allerlei Texten. Darunter fallen auch neue Informationsformate wie digitale Zeitschriften, Informationsportale und Weblogs. Vor allem die Blogs haben die Kommunikationslandschaft geprägt. Mehr als andere Netzformate haben sie zu einer Demokratisierung der Veröffentlichungswege geführt, umgehen sie doch die Verlage als Gatekeeper (sowohl Nachrichtenforschung als auch Soziologie) und ermöglichen im Grunde jedem zu schreiben über was er will. Welche Chancen und Herausforderungen diese Entwicklungen bergen, möchte dieser Text genauer ergründen. Er soll einen Einblick in die Besonderheiten der Arbeit im Netz bieten und auf ungelöste Probleme  aufmerksam machen. Es geht zuerst um das Medium Internet selbst, bevor wir uns den Blogs zuwenden. Sind beide Gegenstände dargestellt, blicken wir letztendlich auf den Kern des Ganzen: Das Internet und die Geschichtswissenschaft. Dazu sei gesagt, dass besonders der letzte Teil auf den Erfahrungen des Autors basiert. Es sind Erkenntnisse vom Aufwachsen mit dem Internet, dem Studieren mit seiner Hilfe und nicht zuletzt dem wissenschaftlichen Arbeiten über das Netz, die keineswegs einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit  erheben. Es sind kritische Überlegungen, die zum Denken anstoßen sollen.

Blogs sind ein spezielles Veröffentlichungsformat, das über das Internet erreichbar ist und beides lässt sich nicht vollkommen voneinander zu trennen. Das Medium ist die Botschaft oder in diesem Fall besser: Das Medium bedingt die Botschaft. (Fiore/ McLuhan 2011) Das Internet ist zu den Blogs wie das Papier zu den Büchern und um das Ganze zu verstehen, muss man auch das Einzelne betrachten. Blogs sind ein junges Format in einem hochkomplexen Medium und trotz allen augenscheinlichen Gemeinsamkeiten sind sie etwas Neues. Sie sind den klassischen Formaten nur ähnlich, nicht einfach eine digitale Kopie von etwas Bekanntem. Selbst unser Gehirn geht mit Informationen aus Büchern und dem Internet anders um. Letztere werden wegen ihrer leichten Erreichbarkeit schneller vergessen. (Briseño 2011) Für jeden Menschen ist jeder öffentliche Inhalt erreichbar und das zu jeder Zeit. Für das Internet scheint der Begriff Massenmedium kaum noch auszureichen. Texte und Bilder, die erst einmal ins Internet gelangt sind, sind schwer wieder zu entfernen. Wenn sie nicht im Cache von Google oder der Wayback Machine gelandet sind, dann kann immer noch ein einzelner Nutzer eine lokale Kopie gemacht haben und erneut hochladen. Allerdings können die meisten Inhalte auch schnell geändert werden. Oft werden Beiträge heimlich korrigiert und verändert, Fotos getauscht und das Layout angepasst, ohne dass die Änderungen transparent nachzuvollziehen sind. So schwankt das Netz zwischen zwei Extremen. Es ist einerseits ein schnelllebiges Medium, in dem man Dinge verliert, andererseits vergisst es nur selten etwas völlig. Diese Lebendigkeit des Netzes sorgt immer wieder für Ängste, wie vor dem Kontrollverlust an den eigenen Werken oder dem Verschwinden von Quellenmaterial.

Weblogs haben viele Gesichter, sie werden genutzt als öffentliche Tagebücher, kleine Nachrichtenseiten oder auch in ihrem ursprünglichen Sinn als Projektlogbuch. Es scheint ein Reiz darin zu bestehen, zu schreiben und selbst zu veröffentlichen. Einer Privatperson geben Blogs die Möglichkeit, von Konsumenten zu Produzenten zu werden. Wissenschaftler sind das hingegen schon. Deshalb stehen ihnen viele etablierte Veröffentlichungsmethoden offen. Warum also überhaupt bloggen? Die Antwort darauf liegt im Medium selbst. Gedruckte Formate sind zwar beständig, aber auch rigide. Eine Veröffentlichung ist teuer und zeitaufwendig, eventuelle Fehler oder Ergänzungen sind mit weiteren Kosten und Mühen verbunden. Darüber hinaus bedeutet eine neue Auflage noch lange nicht, dass jeder die alte Version mit ihr ersetzt. Mit Blogs werden Texte zwar nicht schneller geschrieben, aber mühelos veröffentlicht und korrigiert. Selbst eine kleine Gruppe regelmäßiger Leser lässt sich mit den Verkäufen eines Fachbuches vergleichen und im Netz ist das Potential für Wachstum groß. Zwar sind Blogs im Normalfall kostenlos, reich wird man als Wissenschaftler aber auch selten durch seine Veröffentlichungen. Dafür profitieren Wissenschaftler auch von den gleichen Vorteilen wie die privaten Nutzer. Bei einem eigenen Blog hat der Autor selbst in der Hand, was er veröffentlicht und muss sich nicht der Logik der traditionellen Veröffentlichungswege anpassen. Dadurch können auch sehr kurze Texte oder Ideen einfach veröffentlicht werden, ohne groß auf wirtschaftliche Aspekte Rücksicht nehmen zu müssen.  Während ein Buch mit fünf Seiten unsinnig ist, haben diese fünf Seiten in der ständigen Publikation eines Blogs einen wertvollen Platz. Artikel können zeitnah veröffentlicht werden und ermöglichen so einen nahtlosen Bezug auf aktuelle Themen. Der Weg über Zeitungen oder Zeitschriften entfällt und eine eventuelle Veröffentlichungsgebühr dadurch auch.

Als ein Produkt des Web 2.0 sind Blogs immer etwas Soziales. Durch Kommentare, Track- und Pingbacks können Leser über den Text diskutieren oder ihn in eigene Beiträge einbauen. Im besten Fall treten so Autor und Leser in einen Dialog. Im schlechtesten Fall wechseln sich Menschen mit Hasstiraden ab, wie das auch oft in bekannteren Historikerblogs zu beobachten ist. In beiden Fällen kommt es zu ungewohnter Kommunikation mit der Leserschaft, was mehr Arbeit bedeutet. Kommentare müssen geprüft und moderiert werden, um  eine gewinnbringende Diskussion zu gewährleisten. Darüber hinaus kann es in Kommentaren zu Urheberrechtsverletzungen, Phishing-Versuchen und anderen rechtlichen Problemen kommen, mit denen man sich auseinander setzen muss. Schaltet man die sozialen Funktionen ab, verlieren die Blogs letztendlich eine der Eigenschaften, die sie auszeichnen. Ohne diese interaktiven, sozialen Aspekte ist ein Blog für den Leser nur eine statische Website. Der eventuelle Nutzen eines Diskurses entfällt sowohl beim Leser als auch beim Autor. Ob Kommentare so verhindert werden würden ist außerdem fraglich, da es immer noch möglich ist an anderer Stelle (im eigenen Blog, bei einem Gespräch) einen Beitrag zu besprechen.

So erfolgsversprechend die Möglichkeiten des Internets auch zu sein scheinen, sieht man sich die Akzeptanz in Historikerkreisen oder bei den Studenten an, fällt das Ergebnis ernüchternd aus. Das Internet wird vom Großteil der Historiker hauptsächlich für Dinge genutzt, die wir aus dem analogen Arbeitsalltag kennen. Im Grunde arbeiten wir wie vor 25 Jahren, nur mit anderen Werkzeugen. Wir schreiben E-Mails statt Briefe, nutzen für die Recherche digitale Informationssysteme statt Zettelkataloge und versuchen auch Quellen digital zu finden, anstatt ins Archiv zu gehen. Bei Web-Texten läuten unsere Alarmglocken. Belege müssen zuverlässig und nachvollziehbar sein, doch Texte im Internet sind organisch. Sie wachsen, verändern sich und wenn sie zu einem späteren Zeitpunkt angeschaut werden, können sie eine ganz andere Form haben. Den Studierenden wird davon abgeraten, sich auf Internetquellen zu beziehen, weil sie unbeständig sind. Es wird scheinbar davon ausgegangen, dass zwar jeder im Internet schreiben kann, es aber keiner tut, der davon etwas versteht. Da die Texte nicht die klassische Qualitätskontrolle der Verlage durchlaufen haben, wird unterstellt, dass es gar kein professionelles Redigieren gibt. Dabei gibt es natürlich Projekte wie Clio-online, von diversen  Blogs von Fachwissenschaftlern (z.B. http://hypotheses.org) ganz zu schweigen. Trotzdem machen sich viele Kollegen gegenseitig Angst und Bange und den Studenten wird die Furcht weitergegeben. Wenn Dozenten selbst nicht klar ist, was sie vom Internet halten sollen, fällt ihnen das faire Bewerten von Arbeiten mit Internetinhalten natürlich schwerer. Dieses Unwohlsein bemerken selbstverständlich auch die Studenten und verzichten größtenteils auf digitales Material. Bücher werden als vertrauenswürdige Ressource angesehen und gerade in Zeiten des Bachelor, wo Geschwindigkeit und Perfektion zählt, sind unnötige Risiken zu vermeiden. Deswegen scheint das Interesse der Studenten inzwischen in Ablehnung umgeschlagen zu sein. Das Internet wird als Teil des Privatlebens gesehen. Es ist da, wo Facebook, Youtube und Google sind und nicht wo man JSTOR und H-Soz-u-Kult findet. Das ist auch kein Wunder, wenn der wissenschaftliche Umgang mit dem Internet nicht gelehrt wird.

Die Sorgen um die Verwendbarkeit des Netzes sind im Wesentlichen begründet, aber nicht unabwendbar. Das Arbeiten mit Blogs (und dem Netz) erfordert eine ganz eigene Medienkompetenz. Wie erwähnt beeinflusst das Medium die Botschaft. Ein Text im Web ist nicht derselbe wie in einem Buch, auch wenn er denselben Inhalt hat. Die Unterschiede sind nicht immer offensichtlich. Schwierigkeiten entstehen schon beim reinen Lesen im Internet, da es sich schon auf neuronaler Ebene stark vom Lesen gedruckter Texte unterscheidet. (Carr 2010) Für gewöhnlich lesen wir Texte linear, ein Buch hat einen Anfang und ein Ende. Es besitzt eine sinnbildende Struktur, in der ein Autor einen Kontext aufbaut, um seine Botschaft zu vermitteln. Blogs fehlt meist diese feste Lesestruktur. Es ist zwar oft eine kategorische Ordnung zu finden, aber eine verständnisfördernde Struktur ergibt sich dadurch nicht zwangsläufig. Es zeigt letztendlich nur an, welche Beiträge thematisch zusammenpassen, allerdings nicht, in welcher Reihenfolge sie zu lesen sind, um sie sich am besten erschließen zu können. Dadurch wird die Arbeit mit solchen Texten wesentlich trickreicher als mit Büchern, was gerade für Laien und Einsteiger problematisch ist.

Selbst bei einer vorbildlich strukturierten Seite wird die Linearität schließlich durch Links gebrochen. Verweisen sie auf andere Seiten, nützt die eigene gute Lesestruktur rein gar nichts mehr. Der Leser muss sich an ein neues Format, eine neue Logik gewöhnen. Selbst Verlinkungen auf der eigenen Seite können die Konzentration brechen. Links sind im Prinzip nichts Neues. Es sind Querverweise auf Belege oder relevantes Material, genau wie Fußnoten. Im Grunde haben Menschen Hypertext schon lange bevor es Computer gab geschrieben. (Krameritsch 2010) Der Unterschied ist, dass es wesentlich leichter ist von Blog zu Blog zu wechseln, als von Buch zu Buch. Die Einfachheit der Verweise ist auch seine Crux. Schnell ist man ganz woanders gelandet, geht ein paar Schritte zurück und probiert der Versuchung beim nächsten Link zu widerstehen. Dazu kommen Werbungen, die gezielt versuchen unsere Aufmerksamkeit zu erregen. Strategisch im Text oder an dessen Rand platziert lenken sie uns vom eigentlichen Inhalt ab. Dadurch fällt es uns schwerer, uns zu konzentrieren und klare Gedanken zu fassen.  Das Lesen von gedruckten Texten ist ruhiger als von Hypertext. Die Augen können sich an klaren Rändern orientieren, die Konzentration ist einfacher aufrechtzuerhalten und somit fällt auch das Lernen leichter. Durch die sorgfältige Arbeit des Blogbetreibers scheint es dennoch möglich ein  angenehmes Niveau zu erreichen. Das Problem ist auch von Software-Entwicklern nicht unbemerkt geblieben, es wird versucht durch diverse Browser-Plugins und Dienste wie Clearly die Lesbarkeit von Websites zu erhöhen.

Die Arbeit mit Weblogs ist durchaus mit Problemen verbunden. Statt erfolgreich nach Informationen zu fischen, hat man sich schnell im Netz verfangen. Auf Webseiten ist die Informationsgewinnung schwieriger, da sie anders funktioniert. Wegen ihrer Schnelllebigkeit muss mit Onlinequellen anders umgegangen werden als mit Büchern. Wie zuvor erwähnt sind Blogartikel lebendig, sie können überarbeitet werden, ohne dass die Ursprungsversion öffentlich erhalten bleibt. Es ist komplizierter, sie als Referenz zu nutzen. Im Gegensatz zu klassischen Texten verweisen wir nicht nur auf das Werk selbst, sondern auch auf den Ort an dem wir es gefunden haben. Das ist zwar notwendig, aber ähnlich problematisch, als würden wir sicherstellen müssen, dass ein zitiertes Buch immer im selben Regal derselben Bibliothek steht. Genau dort, wo wir es ursprünglich gefunden haben. Permalinks, also eindeutige und dauerhafte URLs, für Blogartikel sind schon ein guter Anfang. Trotzdem ziehen Blogs auch zu anderen Domains um oder werden vom Betreiber, absichtlich oder nicht, gelöscht.  Die Probleme für den Leser scheinen mit den allgemeinen Problemen im wissenschaftlichen Umgang mit dem Internet übereinzustimmen. Die Vorteile entsprechend auch, sie gehen aber über generelle wie eine schnelle Verfügbarkeit, Multimedialität und Ähnliches hinaus. Wer einen Blog nicht nur liest, sondern sich intensiv damit beschäftigt, bekommt mehr als einen Text. Der Unterschied ist dem zwischen einer Vorlesung und einem Seminar an der Universität ähnlich. Bei einer Vorlesung hört man zu, macht sich Notizen und verarbeitet das Wissen an anderen Stellen weiter. In einem Seminar arbeitet man mit, beantwortet Fragen und diskutiert in einer Gruppe. Das ist auf ähnliche Weise in Blogs möglich und darin liegt ihr Vorteil gegenüber statischeren Formaten. Das Lesen und Schreiben eines Weblogs ist etwas Soziales und das gilt es gewinnbringend zu nutzen. Der Autor steht im engeren Kontakt mit seiner Leserschaft als es bei klassischen Medien der Fall ist. So kann man auch als Leser Aspekte direkt mit dem Autor oder anderen Lesern erörtern. Gerade als Regionalhistoriker trifft man immer wieder auf interessierte Laien, die so an einem Diskurs teilnehmen können, der ihnen sonst verwehrt wird.

Die grundlegenden Probleme der Geschichtswissenschaften gehen jedoch über Blogs hinaus und betreffen das ganze Internet. Beispielsweise ist die Instabilität von Onlinequellen ein akutes Problem aller Netzangebote, für das nach Lösungsstrategien gesucht wird. (Zotero) Andere Positionen zum Thema Internet sind oft oberflächlich und zeugen von mangelnder Erfahrung. Sieht man genauer hin, stellen sich einige Fragen gar nicht und Probleme sind nicht so gravierend, wie es der erste Blick vermuten lässt. Ein Beispiel dafür ist die Wikipedia, seit Jahren ein beliebter Dreh- und Angelpunkt für Konflikte. Beabsichtigt oder nicht, Wikipedia ist zu einem Leitmedium geworden. Schüler und Studenten, Lehrer und Laien stillen dort ihren Wissensdurst und gehen brennenden Fragen nach. Wikipedia ist inzwischen eine Institution wie der Brockhaus oder das Lexikon des Mittelalters. Natürlich nutzen es Studenten und natürlich geben einige von ihnen Wikipedia-Einträge in ihren Arbeiten an. Die dabei entstehende Debatte über die Validität von Onlineressourcen ist nicht sinnlos, aber zweitrangig. Im Grunde sollte es viel mehr darum gehen, ob Enzyklopädien als Belege für eine wissenschaftliche Arbeit genutzt werden sollten, unabhängig des Formats. Sie sind keine wissenschaftlichen Texte, sondern bilden nur verdichtete allgemeine Informationen zu einem Thema ab. Klärt man den ersten Punkt, kann man auch anhand dessen eine weitere Diskussion führen. Dann ist es möglich zu beurteilen welches Format einer Enzyklopädie die Mängel am besten ausgleicht. Die Wikipedia soll hier nur als Beispiel für eines der vielen Probleme mit dem Internet dienen. Es zeigt sich eine gewisse Betriebsblindheit im Umgang mit den etablierten Arbeitsmethoden. Bei den Texten im Internet sollen wir besondere Sorgfalt walten lassen, sie kritisch lesen und zum einen die Belege des Autors überprüfen und zum anderen nach eventuellen versteckten Botschaften suchen. Aber ist das nicht, wie wir jeden Text, gedruckt oder am Monitor, lesen sollten? Ist das Internet jetzt besonders gefährlich oder besinnen wir uns nur durch das Neue wieder auf die kritische Methode?

Wie dem auch sei, haben sich Blogs trotz aller Chancen im geschichtswissenschaftlichen Umfeld noch nicht durchgesetzt. In der Vita und den Profilen der meisten Kollegen finden sich zwar oft Bücher, aber nur selten ein Weblog. In anderen Wissenschaftszweigen haben sich Blogs jedoch fester etabliert. Anders als bei den Naturwissenschaften gibt es in der Geschichtswissenschaft selten Sensationsmeldungen. Berichte über Versuche und Zwischenergebnisse spielen auch eine geringere Rolle. Deshalb kann und muss weniger zeitnah bearbeitet werden. Auch wenn auf aktuelle Ereignisse Bezug genommen werden kann, ist die Schnelligkeit von Blogs für Historiker zwar ein Vorteil, aber ein nicht so großer. Es besteht keine wissenschaftliche Notwendigkeit zu bloggen, aber sehr wohl in klassischen Formaten zu veröffentlichen. Sie sind eine Grundbedingung für wissenschaftliches Ansehen und ein dauerhaftes Arbeitsverhältnis. Die meisten erfahreneren Kollegen haben stabile Netzwerke, die jedoch bis auf E-Mails offline funktionieren. Auf Tagungen tauschen sie Informationen aus, ihre Texte sind in Buchform zu finden und was von den Studenten zu lernen ist, bestimmen sie.

Aber auch für Experten können Blogs eine vielversprechende Alternative zu bestehenden Veröffentlichungs- und Kommunikationswegen sein. Kleinere Kollaborationen sind durch geringere Kosten und einen niedrigeren bürokratischen Aufwand problemloser als gewohnt machbar. Diese Vorteile ermöglichen es auch einfacher zu Artikeln anderer Wissenschaftler Stellung zu nehmen. Bestenfalls taucht diese Rezension dann automatisch beim eigentlichen Beitrag auf und ermöglicht dem Leser, ein Thema aus unterschiedlichen Perspektiven zu sehen. Sofern die Beiträge nicht auf die eine oder andere Weise verschwinden, wird so ein Diskurs dauerhaft abgebildet. Eine so lebendige Diskussion findet meistens nur auf Tagungen oder bei Vorträgen statt, sofern es der oft straffe Zeitplan erlaubt. Jedoch überdauert sie das Ereignis meistens nicht. Zumindest an dieser Stelle steht es um die Nachhaltigkeit von Blogs nicht schlecht. Es kristallisiert sich heraus, dass die Vorteile von Weblogs größer werden, je aktiver die Leserschaft ist.  Außerdem profitieren von einem gut gepflegten Blognetzwerk Leser und Autoren. Verbindet man so qualitativ gleichwertige und thematisch passende Websites miteinander, stehen die Publikationen nicht nur für sich allein, sondern in einem größeren Kontext. Durch Zugangsbeschränkungen für Autoren kann eine gewisse Kontrolle über die Qualität ausgeübt werden und damit dem Vorurteil der minderwertigen Texte im Netz entgegengewirkt werden. So entsteht eine ständige, lebendige Form der Veröffentlichung, die durch eine Art der Interaktivität geprägt ist, die auf klassischem Wege nicht zu realisieren ist.

Fakt ist, dass es Zeit und Mühe kostet etwas Neues zu erlernen. Das Netz ist immer noch jung und Blogs ein ungewohntes Format. Es ist nur logisch Arbeit in Bereiche zu investieren, denen man vertraut. Ohne einen vermeintlichen Verlust führen viele Wege am Netz vorbei, jedoch keiner am Buch. Daran lässt sich nur etwas ändern, wenn sich wissenschaftliche Blogger selbstbewusst in den Forschungsalltag integrieren. Beim Ausprobieren des Netzes werden oft analoge Praktiken auf die digitale Welt übertragen, was oft nicht funktioniert und dazu führt, dass das ganze Thema Internet schnell wieder ad acta gelegt wird. Um Blogs sinnvoll nutzen können, müssen sich sowohl die Leser als auch die Autoren über ihre Stärken und Schwächen im Klaren sein. Die Arbeit mit ihnen erfordert eigene Strategie und Methoden, die teilweise noch in den Kinderschuhen stecken. Studenten und Graduierte müssen dieses Handwerkszeug erlernen bevor ein wissenschaftlicher Mehrwert aus dem Internet entsteht. Es sind Schlüsselqualifikationen, die oft noch belächelt werden. Die Trendwende zur digitalen, vernetzten Wissenschaft zu verschlafen, wäre tragisch. Blogs sind eine nützliche Veröffentlichungsplattform mit ganz eigenen Vor- und Nachteilen. Zwar sind sie mit klassischen Publikationen durchaus vergleichbar, allerdings werden sie zu oft in Konkurrenz mit ihnen gesehen. Weblogs übertreffen ihre analogen Verwandten hauptsächlich dort, wo nicht versucht wird exakt dasselbe zu tun, wie man es vom gedruckten Text gewohnt ist. Nutzen Autoren und Leser den sozialen Faktor werden Blogbeiträge zu mehr als nur Texten. Durch ihn kann dafür gesorgt werden, dass Texte nicht nur gelesen, sondern auch verstanden werden. Jedoch sind sie kein Ersatz, sondern eine wichtige Ergänzung der gewohnten Medien. Nicht nur deshalb sollte die Energie in die Weiterentwicklung der Arbeit mit ihnen gesteckt werden und nicht allein in einen zehrenden Konkurrenzkampf mit anderen Formaten.

 

Literaturhinweise

Cinthia Briseño: Wissensmanagement, Internet macht vergesslich. [http://www.spiegel.de/gesundheit/psychologie/wissensmanagement-internet-macht-vergesslich-a-864775.html], eingesehen 31.01.13.

Nicholas Carr: The Shallows. What the Internet Is Doing to our Brains. New York 2010.

Jakob Krameritsch: Hypertext schreiben, in:  Martin Gasteiner/ Peter Haber (Hrsg.):  Digitale Arbeitstechniken für die Geistes- und Kulturwissenschaften. Wien 2010, S.80-95.

 

Genannte Websites

Clio-online, Fachportal für die Geschichtswissenschaften. [http://www.clio-online.de], eingesehen 31.01.13.

Evernote Clearly. [http://evernote.com/intl/de/clearly/], eingesehen 31.01.13.

Gatekeeper (Nachrichtenforschung), Wikipedia. Die freie Enzyklopädie.  [http://de.wikipedia.org/wiki/Gatekeeper_(Nachrichtenforschung)], eingesehen 31.01.13.

Gatekeeper (Soziologie), Wikipedia. Die freie Enzyklopädie.  [http://de.wikipedia.org/wiki/Gatekeeper_(Soziologie)], eingesehen 31.01.13.

Hypotheses, wissenschaftliche Blogs. Das Portal der deutschsprachigen Community von Hypotheses. [http://de.hypotheses.org], eingesehen 31.01.13.

H-Soz-u-Kult, Kommunikation und Fachinformation für die Geschichtswissenschaften. [http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de], eingesehen 31.01.13-

JSTOR. [http://www.jstor.org], eingesehen 31.01.13.

Zotero. [http://www.zotero.org], eingesehen 31.01.13.

 

Tags: ##dhiha5

Comments (8)

  • Mareike König . 28. April 2013 . Antworten

    Hallo, danke für den Beitrag zu #dhiha5! Bitte noch als Kommentar beim Aufruf zur Blogparade posten (im DHI-Blog), dort sammeln wir alle Beiträge. Vielen Dank!
    http://dhdhi.hypotheses.org/1598

    • (Autor) ChaosPhoenix . 28. April 2013 . Antworten

      Danke für den Hinweis! Je nachdem wie lange wie lange gesammelt wird, schreibe ich bestimmt noch etwas. Vielleicht passt der Beitrag dann noch etwas besser.

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