Wissen trifft immer und zwar kritisch

Ich bin Viele oder: Identität und Interdisziplinarität

2. Mai 2012.Philipp Nordmeyer.0 Likes.0 Comments

A Wolf EatingHier ein paar Beobachtungen der letzten Tage. Die Forderung nach interdisziplinärer Lehre wird anscheinend lauter. Das müsste mich als Freund der Interdisziplinarität freuen. Tut es auch. Gleichzeitig wird gefordert sich stärker von anderen Feldern abzugrenzen und die Frage gestellt, ob die geschichtswissenschaftlichen Themen nicht zu sehr politikwissenschaftlich oder kulturwissenschaftlich gefärbt sind. Das ist Paradox. Wer interdisziplinär forscht, bekommt auch interdisziplinäre Ergebnisse. Selbst wenn man jede fremde Fragestellung und jedes heterogene Ergebnis entfernt, ist die Arbeit doch immer durch Methoden und Theorien verschiedener Fachbereiche geprägt. Etwas von ihrer Vielschichtigkeit zu entfernen hiesse das Fundament zu untergraben.

Mal anders angegangen: Was ist eine reine Geschichtswissenschaft? Wir beschäftigen uns mit der Vergangenheit. Etwas muss passiert sein, damit die Geschichtswissenschaft den Impuls bekommt sich damit zu beschäftigen. Das reine Auflisten von Ereignissen schafft aber noch kein Wissen, wie es der Begriff Wissenschaft für mich erfordert. Zum einen erfordert es sehr viel Methode Lücken zu schließen und die Vergangenheit zu rekonstruieren. Zum anderen schätzen wir auch Tragweite und Relevanz verschiedener Ereignisse. Für beides bedienen wir uns Hilfswissenschaften und Denkmodelle anderer Fachbereiche. Wenn ein Numismatiker oder Kunsthistoriker durch die Analyse der Überreste einer Kultur Aussagen treffen kann, die für die Geschichtswissenschaft wichtig sind, sollen wir diese dann ignorieren, weil sie stark interdisziplinär entstanden sind? Wenn wir die Geschichtswissenschaften von anderen Wissenschaften trennen, werden die Ergebnisse oberflächlicher. Vieles bekommt erst eine relevante Dimension durch eine Untersuchung der politischen und sozialen Verhältnisse.

Durch eine Betrachtung der politischen Aspekte wird ein Historiker noch lange nicht zum Politikwissenschaftler. Das ist auch etwas, das ich im Studium lernen musste. Ich habe im Institut für Politikwissenschaft oft gehört, dass ich einen sehr interessanten historischen Blickwinkel auf viele Themen hatte. Wobei interessant wohl für „richtig, aber unter den gegebenen Umständen falsch“ stand – fast immer zumindest. Politikwissenschaftler kümmern sich um Akteure, institutionelle Prozesse und P³ (Policy, Polity, Politics). Wir tun das ähnlich, aber immer vor einem historischen Kontext. Eine andere Erwartungshaltung produziert andere Ergebnisse.

Hinter der Forderung nach Interdisziplinarität steckt zum einen der Erwartung besserer Ergebnisse, zum anderen auch eine Vernetzung mit und größere Integration in übergreifende Forschung. Dadurch entsteht aber auch die Angst sich als Wissenschaft selbst zu verlieren, wenn man die eigenen Grenzen aufweicht. So wird eine Fachrichtung unschärfer, weniger leicht zu erkennen. Heute steht alles vor der Kosten-Nutzen-Frage und da haben es Geisteswissenschaften (unverdient) schwer. Es geht ganz einfach um Geld. Jeder Fachbereich, jedes Projekt, jede Stelle muss um ihre Mittel Kämpfen. Warum soll man einen Historiker für Politikwissenschaft bezahlen, wenn auch einer von denen etwas in alten Büchern nachforschen könnte? Warum gibt es überhaupt Mischformen wie Kunsthistoriker? Soll man nun Geld bei Kunst abziehen und den Historikern geben? Und warum sollte ein Historisches Seminar dem Kulturhistoriker vom Budget etwas abgeben, wenn man auch noch richtige Forschung über Karl den Großen damit finanzieren könnte?

Die Crux ist, wie so oft, das Geld. Alles muss so organisiert sein, dass es leicht verständlich ist und auf Haushaltsplänen gut aussieht. Aber nicht nur das, sondern auch der Gedanke, was eigentlich zu welcher Wissenschaft gehört und was nicht.

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