Wissen trifft immer und zwar kritisch

Zufall, Unfall und Unglücksfall

25. April 2012.Philipp Nordmeyer.0 Likes.0 Comments

Prairie Dog says WHAT?Kolumbus hatte nach langer Reise Amerika entdeckt. Dabei war es doch eigentlich Indien. Und gar keine Entdeckung, Indien kannte man schon. Oder wusste er sofort, dass es nicht Indien war? Was ist denn passiert? Die Entdeckung Amerikas? Die Nicht-Entdeckung Indiens? Ist das Land nicht vielleicht völlig egal? Zuerst einmal dürfte Kolumbus ziemlich froh darüber gewesen sein Land zu finden, ganz gleich welches. Außerdem ging es darum Handelsrouten zu sichern: Mission erfüllt. Aber war es Indien? Wohl kaum. Nein ganz definitiv nicht. War das Unterfangen also ein Fehlschlag? Ganz eindeutig jein.

Man merkt, dass es auf die Perspektive ankommt. Die Besiedlung Amerikas hat jedenfalls, grob betrachtet, für uns Europäer gut geendet. Für die amerikanischen Eingeborenen eher weniger. Ist es also eine glorreiche Erfolgsgeschichte oder eine Erzählung der Ausbeutung und Ermordung? Es kommt auf die Perspektive an. Festzustellen ist, dass wir das Land an uns gerissen haben und auch heute noch davon profitieren. Genau wie wir aktuell davon profitieren, dass China die Bevölkerung ausschlachtet, um preiswert technische Geräte zu produzieren, wie das an dem ich gerade sitze. Wer über die Situation glücklich ist, hängt von der Perspektive ab.

Allerdings ist eben diese Vielschichtigkeit etwas, das in Vergessenheit zu geraten scheint. Mit ihr umzugehen erfordert Erfahrung und viel Verantwortung. Jedes Mal wenn wir auf einen Aspekt den Fokus legen, ignorieren wir einen anderen. Wir müssen uns entscheiden was wir berücksichtigen und welche Sachen wir verschweigen. Verschweigen kann hart klingen aber es ist genau das was wir tun. Wir kürzen absichtlich Geschichten aus einer größeren Geschichte raus, um sie erzählen zu können. Das hat Gaddis anschaulich erklärt.

Dieser Prozess scheint aber auch dazu zu führen, dass wir uns auf bekannte, erprobte Blickwinkel beschränken und andere gar nicht mehr einbeziehen. Dabei muss man auch die Perspektiven kennen, die man rausfiltert, damit nichts Wichtiges übersehen wird. Trotzdem scheint perspektivisches arbeiten nachzulassen, bzw. für die Studenten Neuland zu sein. Das ist zumindest verständlich, weil es Unsicherheiten schafft und auch schwieriger prüfbar ist. Allerdings denke ich, dass die Unsicherheiten nicht viel abnehmen, man wird nur vertrauter mit ihnen. Dieses Vertrauen braucht man zum Arbeiten mit Geschichte. Es muss uns klar sein, dass wir mit unseren Arbeiten beeinflussen, wie die Vergangenheit wahrgenommen wird. So drücken wir ihr unweigerlich durch unsere Methoden und Themenauswahl einen subjektiven Stempel auf.

Mindestens so wichtig ist aber auch die Gewissheit, dass Geschichte eben nur vergangene Zeit ist. Es ist nicht alles so passiert, weil es so geschehen musste, sondern weil es eben geschehen ist. Geschichte ist oft Zufall und Unfall und kein Plan, der so kommen musste. Wenn man sich geschichtsträchtige Ereignisse ansieht von verschiedenen Seiten ansieht, wird einem oftmals vor Augen geführt wie erstaunlich es ist, dass es den bekannten Ausgang hatte. Meist wird gesagt die Frage nach dem „was hätte sein können“  ist müßig, aber ich denke anders. Wenn wir Geschichte nicht als gegeben nehmen, als teleologischen Plan, der nur so hätte kommen können, dann verstehen wir sie besser. Es ist falsch Akteure zu vernachlässigen, nur weil sie am Ende verloren hatten oder nur eine kleine Rolle spielten. Gerade dort, wo man nachlässig guckt, ist oft noch etwas zu finden. Genauso können wir durch verschiedene Perspektiven überhaupt erst genau begreifen, warum es zu etwas kam. Die Feststellung, dass sich etwas nur durch Zufall ergeben hat, mag zwar wenig eindrucksvoll sein, aber sie ist nichtsdestotrotz genauso wichtig und wahr. Die Frage nachdem was hätte sein können, nach Alternativen, mag zwar manchen als Fiktion erscheinen, aber hilft besser zu verstehen, was letztendlich passiert ist. Die Signifikanz eines Geschehnisses wird durch die Gegenüberstellung der anderen Möglichkeiten besser erkennbar. Es kann nicht alleine Aufgabe der Geschichtswissenschaft sein Buch zu führen über das was passiert ist. Wissen muss auch geschaffen und nicht nur festgehalten werden. Aber es scheint manchmal als wird Fakten schaffen damit gleichgesetzt sie zu erfinden.

Wo wir wieder bei der Fiktion angekommen wären. Fiktion ist es auch, wenn die Geschichte als einzig mögliche dargestellt wird. Fiktion ist es auch, wenn einzelnen Momenten ein größerer Sinn gegeben wird, als von den Akteuren absehbar war. Fiktion ist aber auch im gewissen Sinne jede Geschichtsschreibung, da wir formen, filtern und darstellen. Wir kreieren ein Bild, ein Portrait und eben kein Duplikat des Originals.

 

Thesen zum Thema

* Die Fähigkeit Themen perspektivisch zu analysieren ist zu wenig ausgeprägt.

* Die teleologische Geschichtsdarstellung behindert das perspektivische Verständnis von Geschichte und damit auch das Verständnis von Geschichte schlechthin.

* Eine multiperspektivische Betrachtung historischer Ereignisse vertieft das Verständnis und ermöglicht einen größeren Erkenntnisgewinn.

* Die Auflistung von geschichtlichen Ereignissen kann nur der Teil einer Wissenschaft sein, da sie kaum Wissen produziert, sondern es nur bewahrt. Für einen Erkenntnisgewinn müssen genauso sehr Ursachen, Konsequenzen und Alternativen erforscht werden.

* Die Geschichtswissenschaft leidet darunter, dass Geschichte vermittelbar sein muss, deshalb wird sich oft auf einfache Darstellungen und einzelne Perspektiven beschränkt.

* Die Verarbeitung von Wissen (Geschichte) für z.B. den Schulunterricht sollte von Pädagogen und Medienwissenschaftlern mit übernommen werden und kann nicht von der Geschichtswissenschaft alleine geleistet werden.

 

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