Wissen trifft immer und zwar kritisch

Webscience und der Weg von hier nach weg

2. März 2012.Philipp Nordmeyer.0 Likes.0 Comments

Uni Hannover HDR BildDas ist jetzt schon gleich der erste Beitrag, der ein wenig grenzwertig für diesen Blog ist. Hier geht es jetzt um einige wichtige private Überlegungen, aber generell über die Rolle der Geschichtswissenschaft und Forschung. Darum habe ich mich entschlossen diesen Beitrag nicht auf meinem privaten Blog, sondern hier zu veröffentlichen.

Heute war eine Webscience Konferenz im L3S in Hannover. Generell geht es bei Webscience darum alle Aspekte des Internets zu erforschen. Also neben technischen unter anderem auch soziale Aspekte. Der Ansatz ist also interdisziplinär angelegt. Die Konferenz war sehr ertragreich, wenn auch eher oberflächlich. Was aber daran liegt, dass Kontakte geknüpft werden und Projekte vorgestellt werden sollten. Webscience ist für mich sehr interessant und bietet reichhaltige Möglichkeiten für neue Perspektiven und Methoden.

Ich selbst gehörte zu denen ohne Projekt, da das Historische Seminar und die Geschichtswissenschaft an sich nicht an Projekten im L3S teilnehmen. Das wollen wir (Karl Schneider und ich) ändern, die Frage ist nur „wie?“.

Zum „wie“ muss ich erst einmal bei mir anfangen. Ich bin Magister, das ist meine derzeitig höchste akademische Auszeichnung. Ich arbeite an einem eLearning Portal der Universität mit, ich bin assistierender Dozent eines Seminares und ich führe einen selbstentwickelten wissenschaftstheoretischen Workshop durch, für 5 Monate nach dem Abschluss ist das in Ordnung. Die Doktoren waren meinem akademischen Grad weit in der Überzahl. Die Doktoren selbst waren eine verschwindend geringe Größe gegenüber den Professoren. Ich selbst war praktisch statistisch heute nicht vorhanden. Die anderen Teilnehmer haben eine Erfahrung und Expertise, die meine weit übersteigt. Sie hatten Möglichkeiten ihre eigenen Theorien zu entwickeln und vielleicht noch wichtiger: Auf die Probe zu stellen. Ihr Wort hat durch ihre Erfahrung Gewicht. Schön für mich ist, dass ich diese Menschen trotzdem für meine Ideen interessieren konnte. Ich konnte ihre eigenen Ansätze weiterspinnen und ihnen neue Perspektiven zeigen. Einfach weil ich eine andere Perspektive habe und Erfahrungen, die von ihren Abweichen. Im besten Fall kann ich begeistern.

„Hast Du Dir das alles selber ausgedacht?“, ist eine Frage, die ich im letzten Jahr öfter gehört habe (danke insbesondere an Axel). Wenn ich von einem Experten höre, dass meine Theorien innovativ sind, ist das für mich eine Wertschätzung und Kompliment, das wenigen gleich kommt. Warum? Ich bin wissenschaftlich relativ ungeprägt. Ja, ich bin Historiker. Ja ich bin Politikwissenschaftler. Ja, ich habe einige Fachbücher gelesen. Aber in meinem wissenschaftlichen Universum dreht sich viel um mich, ehrlich gesagt auch das meiste. Ich bin Historiker, der sich für kein spezifisches Thema interessiert. Früher beschäftigte ich mich mit Aberglauben, Mittelalter im Allgemeinen und so weiter. Aber spätestens bei dem Thema Internet ging ich eigene Wege. Zum einen weil es keine getretenen Pfade gab, zum anderen weil die anderen Irrwege sind. Ziemlich anmaßend für einen Studenten oder? Ich lasse mich aber gerne vom Gegenteil überzeugen, auch jetzt wo ich kein Student mehr bin. Das Problem bei eigenen, neuen Wegen ist, dass man relativ schnell in der Wildnis landet. Man findet einerseits schlecht zurück und man wird noch schlechter von anderen gefunden. Als Wissenschaftler ist es unsinnig für sich selbst zu existieren.

Mein Problem ist, dass ich sehr viel meiner Theorie selbst gemacht habe und mich sehr wenig auf das Wissen der Alten stützen kann. Dadurch halten sie auch nicht ihre schützende Hand über mich. Ich kann andere Wissenschaftler hauptsächlich zitieren, um festzustellen, dass ich anderer Meinung bin. Das war in meiner Magisterarbeit am offensichtlichsten. Ich konnte mit den Theorien von Assmann und co. nichts anfangen. Ihr Verständnis von Erinnerungskultur ist unzureichend. Und das sage ich, wo sie den Begriff in Deutschland überhaupt erst eingeführt haben. Berek konnte ich mehr abgewissen, aber auch er hat einige Bereiche nicht zufriedenstellend dargestellt. Darum fing ich bei Maurice Halbwachs an. Bei Wissen, das über einhundert Jahre alt ist und immer noch richtig. Von ihm aus bildete ich meine eigene Theorie, meine eigenen Komplexe. Ich stützte mich natürlich auch auf vorhandene Arbeiten, aber entwickelte sie weiter, grenzte mich ab. Ob mein Produkt nun besser ist oder nicht, weiß ich nicht. Ich gehe davon aus, aber ich gehe davon aus und bessere nach, wo Fehler sind.

Meine Referenz bin ich, aber mich kennt niemand. Wie gesagt: Ich selbst weiß nicht, wo ich falsch liege. Peer Review hat bei mir bis jetzt wenig stattgefunden. Ich weiß nur, dass ich gute Ideen habe, theoretisch anscheinend begabt bin und andere für meine Ideen begeistern kann. Bloß wo setze ich jetzt an. Ich kann schlecht sagen: Meine Referenz bin ich, gebt mir Geld für die Forschung.

Aber wo kann die Geschichtswissenschaft beim Internet ansetzen? Das Thema Geschichtswissenschaft und Internet umfasst einen praktisch nicht existenten Bücherkatalog. Veröffentlichungen in Deutschland? Wenige, um nicht keine zu sagen. Das heißt beim ganzen Thema befinde ich mich wieder auf Neuland. Das Problem ist, dass Risikoforschung ungern bezahlt wird, besonders in den Geisteswissenschaften, besonders in Geschichte. Wo gibt es bei uns schon großes Risiko? Und wenn ja, steckt dort kaum Geld hinter. Dabei gäbe es einige Punkte, wo sich die Geschichtswissenschaft eingliedern kann.

Einerseits besitzen wir starke medientheoretische Kenntnisse. Wir analysieren Quellen jeder Art. Text, Ton, Bild. Bauwerk, Werkzeug, Pflanzen. Wir könnten eine Medientheorie zum Internet, interdisziplinär mit anderen Entwickeln. Wie gibt man Informationen im Netz weiter. Wie muss eine digitale Medienlogik aussehen.

Wir können wissenschaftstheoretisch arbeiten. Wie haben digitale Arbeitsmethoden die Forschung verändert. Wie werden sie überhaupt genutzt. Gibt es einen Unterschied zu früher und welche Methodik war erfolgreicher? Kann anhand der Entwicklung etwas erkennbar gemacht werden?

Wie sieht es mit dem Erhalt von Wissen aus? Wie wird Wissen erreichbar, haltbar und verständlich gemacht. Wie strukturieren wir diese riesige Datenmenge verwaltet und strukturiert?

Die technische und soziale Entwicklung von Webseiten, also technischen, sozialen Systemen können wir analysieren und strukturieren. Wir können es für andere oder uns begreifbar machen, um darauf aufzubauen.

Was ist mit den Begriffen Erinnerungskultur und kollektiven Gedächtnis? Der virtuelle Raum ist eine soziale Umgebung, die unter den Aspekten in Deutschland (oder überhaupt?) kaum erforscht wurde. Dabei produzieren dort mehr Menschen Inhalte als in den jeweiligen offline Kreisen. Die Systeme haben im Netz viel mehr und viel unterschiedlichere Teilnehmer.

Außerdem sind Historiker gewohnt mit Perspektiven zu Arbeiten. Zur unserer Arbeit gehört es imaginäre Karten von Ereignissen zu machen und je nach Untersuchungsgegenstand mit einem anderen Blickwinkel zu arbeiten. Das Internet selbst erlaubt oder benötigt viele Perspektiven, deshalb denke ich, dass die Arbeit uns liegen könnte.

Das sind nur einige Punkte, deren Problem ist, dass sie völliges Neuland sind. Es ist nicht mal eine Weiterentwicklung erprobter Konzepte, sondern oft etwas. Wir können weder für Sinn und Zweck, noch für wirtschaftlichen Nutzen garantieren. Aber Geld geht nur noch da rein, wo garantiert Geld rauskommt. Es gibt kaum Risikoforschung im geisteswissenschaftlichen, was meist daran liegt, dass die Geisteswissenschaften sowieso kein Geld haben. Sie werden nicht als Innovator mit wirtschaftlichem Hintergrund gesehen. Dabei hängt von ihnen viel ab, wie heute auch wieder festgestellt wurde.

Dabei bräuchte es etwas, ähnlich wie bei Google. Dort wird ein Tag in der Woche für individuelle Arbeit genutzt. Viele Mitarbeiter werden nichts Sinnvolles erarbeiten, einige vielleicht auch nicht versuchen etwas zu tun. Aber der Nutzen eines einzigen Projektes kann das wiedergutmachen. Innovation entsteht nur da, wo die Leute neue Pfade gehen können. So entstand auch Google Maps und was wären wir ohne den Dienst? Was wären wir ohne Steve Jobs, der mit egozentrischem Dickkopf getan hat, was er wollte und sich sonst keiner getraut hat?

Die Frage ist und bleibt aber trotzdem, warum wir? Wir Historiker nutzen zwar Hilfswissenschaften, um kulturelle oder künstlerische Aspekte zu klären, aber immer vor dem Hintergrund der Geschichtswissenschaft. Im Falle der Medienkritik ist es nicht vielleicht sinnvoller Medienwissenschaftlern die Arbeit zu überlassen? Wozu braucht man hier noch Geschichte? Allerdings Frage ich mich seit Jahren, ob Geschichte ein zwingender Teil der Geschichtswissenschaft ist.

Und wo gehe ich hin? Auf alte Pfade, damit meine Stimme mehr Gewicht hat? Oder auf neue, wo mich niemand bemerkt, weil ich parallel zu allen in der Wildnis laufe.

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